Ulf Angerer

Mein T'ai Chi Ch'uan Weg...


Die Suche beginnt!

Nachdem 1989 die Mauer gefallen war bot sich mir, wie vielen anderen, die Möglichkeit bisher „im Osten“ unbekannte Sportarten zu entdecken und zu erlernen. Ich habe keine Ahnung, wie ich ausgerechnet auf T’ai Chi kam.

Wahrscheinlich war es allein der magische Klang dieser Silben: „T’ai Chi Ch’uan“.

Das klang doch schon verheißungsvoll.

Also tat ich was alle Deutschen tun, ich kaufte erstmal ein Buch. In diesem Buch waren ausschließlich Übungen enthalten, von denen ich heute weiß, dass sie Qi Gong sind. Kein einziges Mal T’ai Chi Ch’uan. Aber ganz am Ende (in dem Teil den keiner mitliest) stand, dass T’ai Chi Ch’uan eine uralte Kampfkunst ist.

Das war der Beginn meiner langen und spannenden Reise.

Ich kaufte das nächste Buch – es enthielt eine lange Reihe von gezeichneten Figuren die, nacheinander ausgeführt, die 108 Form nach Yang ChengFu darstellten.

Ich dachte mir: „Jede Woche eine Figur und in zwei Jahren kannste T’ai Chi!“.

Nach einem Jahr war ich durch und es begann die blauäugigste Zeit meines gesamten T’ai Chi Lebens.

Ich hatte mich während meiner Jugend für verschiedene Kampfsportarten interessiert und nun interpretierte ich großzügig alles in die Bewegungen hinein, was meine Fantasie mir so ausmalte.  

Beseelt von der absoluten Gewissheit das reinste, unverfälschteste, traditionellste aller T’ai Chi’s der Welt zu praktizieren turnte ich mich jeden Tag durch die Form und war einfach zufrieden.

Daoistischer wurde es nie wieder!
    

Aber irgendwann beschlich mich die leise Ahnung, dass es recht sinnvoll wäre, einen ausgebildeten T’ai Chi Lehrer zu Rate zu ziehen.

Also bat ich den sehr versierten T’ai Chi Lehrer Martin Neumann, damals in Quedlinburg, um eine Audienz. Zu meinem Glück verfügte Martin über die nötige Menge Humor und so sah er sich meine Künste an. Heute denke ich, dass er damals schon über eine mächtige Portion Gelassenheit verfügt haben muss. Am Ende meiner grandiosen Darbietung bemerkte er, dass zumindest meine Selbstdisziplin ganz enorm sein müsse, denn er hätte noch nie jemanden getroffen, der die ganze Form nach Buch gelernt hat – mehr sagte er, rücksichtsvoller Weise, nicht.

Damals ahnte ich noch nicht, dass es genau diese Selbstdisziplin sein sollte, die mich den größten Sprung auf meiner Reise machen lassen würde.

Aber soweit war es noch lange nicht…

1998 knapp 9 Jahre nach meinen ersten zaghaften Stolperschritten in die Welt der asiatischen Bewegungskünste begann ich meine erste „echte“ T’ai Chi Kursleiter Ausbildung an Martin Neumanns Schule, der „Schule in Bewegung / SIB.

Am Ende unserer Ausbildung sagte er: „Ihr seid nun Kursleiter, und, wer weiß, vielleicht wird es irgendwann mal T’ai Chi sein!“

Ich sag’s ja: der hatte Humor, der Mann. 

Ich bin ihm unendlich dankbar für die vielen klugen Gedanken. Noch heute zehre ich davon. 

Aber die herbeigesehnte Kampffähigkeit ereilte mich nicht.


Also ging meine Reise weiter und ich landete im Jahr 2000 in Bensheim, in der Nähe Darmstadts.

Hier agiert der „Budo-Studien-Kreis/BSK“.

Unter der Leitung von Karate-SenSei Werner Lind gab es hier eine Sparte T’ai Chi Ch’uan. Diese wurde von Monika und Gabi Lind geleitet.

Unter Anleitung dieser beiden, über alle Maßen engagierten, Lehrerinnen bewegte sich mein T’ai Chi Ch’uan tatsächlich weiter in Richtung kampftauglich.

Leider erfuhr ich viel zu spät vom zeitigen Ableben des SenSei Werner Lind und ich möchte diese Biografie nicht veröffentlichen, ohne mich bis tief zum Boden vor diesem außergewöhnlichen Mann verbeugt zu haben. In meiner Erinnerung war er sicher nicht perfekt und doch traf ich nie wieder einen Menschen auf den die Bezeichnung „Meister“ so zugetroffen hätte. 


 Im Jahr 2006 fühlte ich mich stark genug den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen.

Ich hatte in der Vergangenheit für diverse Anbieter unterrichtet und musste mich nun der Tatsache beugen, dass ein Tag nur 24 Stunden hat. Also entweder ganz oder gar nicht.

Ich entschied mich für: ganz!

In dieser Zeit begann ich T’ai Chi Lehrer auszubilden.

Seit 2006 sind ca. 120 T’ai Chi Adepten, in 7 Jahrgängen, von mir ausgebildet wurden und jeder Einzelne wäre mir eine Biografie wert. Hier möchte ich ihnen allen einfach danken. 
Jeder von ihnen hat mich mindestens so viel gelehrt wie ich ihm.

Aber im Hintergrund blieb immer die Suche nach der ultimativen Kampfkunst.

So bekam ich irgendwann im Jahr 2006 Kunde von Thierry Alibert, dem Champion der T’ai Chi Ch’uan Europameisterschaften in Utrecht / Holland.

Thierry zeigte Ausschnitte aus einer Form die auf Yang LuChan zurückgeht und sowohl langsame als auch schnelle Bilder harmonisch miteinander verbindet.

Ihm eilte der Ruf voraus, mit T’ai Chi Ch’uan kämpfen zu können.

Aber dieser Mann wohnt in Südfrankreich und hier noch nicht mal in der Nähe eines Flughafens.

Also besann ich mich auf meine angeborene Qualität der gezielten Selbstunterrichtung.

Ich kaufte sein DVD Set „T’ai Chi Ch’uan - -die alte Form der Yang Schule“, bestehend aus 3 DVD. 

264 Sequenzen!!!

Ich lernte die Form nach diesen DVD. Dann wartete ich auf einen günstigen Moment mein Machwerk dem Meister antun zu können. Der schien mir im Frühjahr 2007 gekommen, als Thierry Alibert in Tilburg und Utrecht unterrichtete.

Von Freitag bis Samstag habe ich den Meister in jeder Pause gebeten, ihm meine Form zeigen zu dürfen. Jedes Mal: Nix!

Sonntags Vormittag ließ er mir endlich übersetzen, dass er meine Form nicht ansehen möchte, weil es unmöglich sei das ganze Übungsgut nach DVD zu lernen. Das war zu viel für mein leicht narzisstisches Ego.

Ich ließ ihm übersetzen, dass ich es absolut unmeisterlich fände, einen Menschen der über 1000 km angereist ist nicht einmal eine Chance zu geben. Ich glaube nicht, dass ich ihn damit überzeugt habe, aber er wollte wohl sein Gewissen nicht belasten. Also kuschelte er sich in eine Ecke der Turnhalle und hieß mich loslegen.

Also legte ich los. Von Sequenz zu Sequenz saß er aufrechter. Ab dem zweiten Teil stand er neben mir. Ab dem dritten Teil begann er mich zu korrigieren. Als ich fertig war fragte er mich, ob ich sein Schüler werden wolle.

Das war mein Aufbruch in eine T’ai Chi Welt von der ich bisher nur geträumt hatte.

In den Jahren 2007 bis 2015 reiste ich viele Male nach Gourdon, im Süden Frankreichs. Ab 2010 gab Thierry Wochenendseminare hier in Deutschland an meiner Schule. Noch heute betrachtet er mich als „seinen Vertreter“ in Deutschland. 

Ich verdanke ihm unendlich viel und, auch wenn wir heute nicht mehr miteinander praktizieren, sehen wir uns als Gefährten auf dem Weg und stehen, im Rahmen unserer sprachlichen Möglichkeiten, in ständigem Kontakt.

Doch Thierry war vor seiner T’ai Chi Zeit Mitglied der französischen Nationalmannschaft im Karate und so war sein T’ai Chi gezeichnet von seiner Vergangenheit in einer „äußeren“ Kampfkunst. 

Ich aber war auf der Suche nach einer Selbstverteidigung, die dem körperlich unterlegenem Part eine reale Chance bei aggressiven Auseinandersetzungen einräumt.

In der Folge sollte ich feststellen, dass viele „T’ai Chi Ch’uan-Praktiker“ aus anderen Kampfkünsten kommen und im Fall eines Kampfes immer in ihre eigenen Systeme zurückfallen. So sind auch ihre Interpretationen der T’ai Chi Sequenzen immer eine Anleihe aus ihrer ursprünglichen Kunst.

Mich trieb es weiter und da ich nach Meistern suchte, die mit deutlich überlegenen Angreifern zurechtkommen, war mein nächster Stopp in der Welt des WingTsun®.

Von 2008 bis 2018 erhielt ich von einem Meister dieses Systems Einblicke in die Grundbegriffe dieser faszinierenden Kampfkunst. 

Das entscheidendste Ergebnis dieser Zeit war die Erkenntnis, dass man den Charakter einer realen Selbstverteidigung nur erforschen kann, wenn man den Charakter eines realen Angriffs begreift. 

In dieser Zeit entstand mein Buch „T’ai Chi Chuan als effektive Selbstverteidigung“, welches sich nunmehr in der 4. Auflage auf dem Markt behauptet.

Ich danke auch diesem Meister. Oft bin ich erstaunt, wenn mir auffällt, was ich bei ihm alles lernte.

Doch auch diese Zeit war nur eine Station auf meiner Reise.

 

Auf einer belanglosen Ansichtskarte, an einem Kiosk, irgendwo, las ich diesen Spruch:

„Mein Weg begann dort, wo ich aufhörte, anderen zu folgen!“


Nie zuvor hat mich ein Zitat so tief erreicht. Plötzlich war alles klar.

Ich hatte nun fast 30 Jahre T’ai Chi Ch’uan praktiziert.

Das sagenumwobene, mystische T’ai Chi Ch’uan habe ich nicht gefunden.

Weil es dieses T’ai Chi Ch’uan nicht gibt! 

Es wartet nicht an einem fernen Ort in den Händen eines einzigartigen Meisters. 

Es liegt nicht in der Vergangenheit, die wir hochachtungsvoll „Tradition“ nennen.

Es wohnt nicht in einer Kugel, irgendwo in den Eingeweiden. 

Es lebt im gesunden Menschenverstand. In Beobachten, Ausprobieren und Verbessern.

Jede x-beliebige Sportart, Kampfkunst oder Heilgymnastik investiert Millionen um stehts auf dem neuesten Stand zu sein; nur die Adepten des T’ai Chi Ch’uan suchen den Fortschritt im ewig gestrigen. 

Ich habe begonnen das gesamte System meines T’ai Chi Ch’uan zu entmystifizieren, in gewisser Weise zu "entchinesieren". 

Auf der Basis neuster sportpsychologischer und -medizinischer Erkenntnisse und hier insbesondere der Erforschung des Bindegewebes und der Faszien haben ich gemeinsam mit den Freunden an unserer Schule in der näheren Vergangenheit Erfolge erzielt, die uns bisher unzugänglich erschienen.

An dieser Stelle möchte ich all denen danken die mich bisher auf meiner Reise begleitet haben.

Ihr; die ihr gut zu mir wart. 

Ihr; die ihr schlecht zu mir wart. 

Ich danke euch allen, denn ihr habt mich zu dem gemacht der ich bin 

und ich bin stolz auf den der ich bin.

 

Ob ich jemals der ultimative Kämpfer werde?

Wer weiß?

Aber eines steht fest: 

Die Suche geht weiter!